Bist du schon wieder am PC? – Meine Version von Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Bist du schon wieder am PC? – Meine Version von Vereinbarkeit von Beruf und Familie

 

Eine bindungs- und bedürfnisorientierte Vereinbarkeit von Beruf und Familie ist heutzutage immer noch schwer zu leisten. Die Entwicklungen in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft bauen bei Müttern  Druck auf wieder früh arbeiten zu gehen, während das Kind von „Fachkräften“ betreut wird. Für die Bindung und Entwicklung des Kindes ist das wenig förderlich, wie Studien erkennen lassen. Auch für die Mütter stellt es oft eine erhebliche Belastung dar.

Angeregt wurde dieser Beitrag durch die Diskussion in einer meiner Lieblings-WhatsApp-Gruppen – es ging eigentlich darum, warum Kinder so viel Nähe verlangen, sich nicht gerne alleine beschäftigen und lieber Mama oder Papa zum spielen haben. Dazu kannst du dir auch diesen Artikel von Gewünschtestes Wunschkind aller Zeiten anschauen (Warum Kinder ständig unsere Aufmerksamkeit verlangen)
Dabei kam dann auch das Thema auf „Kind in einer Kita anmelden, damit es andere Kinder (und eine passende Umgebung) zum spielen hat“.
Das hat mich daran erinnert, wie und warum ich mich gegen eine „frühe Fremdbetreuung“ und für meine berufliche Selbständigkeit entschieden habe. Davon will ich dir heute erzählen.

 

Arbeiten als Mama

Als Kinderlose in Schichten oder mit sehr variablen Arbeitszeiten zu arbeiten war logischerweise kein Problem.
Nach dem Abschluss meines Studiums hatte ich mich unter anderem auch bei ein paar Kindertagesstätten als Gruppenleitung beworben. Damals gab es noch nicht so viele Kitas bei uns. Schon nach ein paar Probearbeitstagen in den Kitas, war mir – als damals Kinderlose – klar, dass ich meine zukünftigen Kinder niemals mit ruhigem Gewissen in eine solche Einrichtung geben könnte.
Mit meinem Sohn hat sich diese Ansicht noch erhärtet. Er war ein sogenanntes Schreibaby, mit starken Bedürfnissen und niedriger Reizschwelle und hat sich in meiner Nähe am wohlsten gefühlt. Ja, und außerdem habe ich mein Kind nicht bekommen, um es dann den Großteil des Tages von „Fremden“ betreuen zu lassen (Ja, der Satz hört sich blöd an. Ich hoffe, du verstehst was ich meine und fühlst dich gegebenenfalls nicht angegriffen.). Das war und ist meine persönliche Überzeugung.

 

Warum kann eine Kita meinem Kleinkind schaden? – Drei wichtige Faktoren des bindungsorientierten Ansatzes nach G. Neufeld

Ein Vater, Neufeld-Kursleiter (in Ausbildung) nach Gordon Neufeld und Student der Bildungswissenschaften – Emil Zitlau – hat einige meiner Bedenken zur „frühen Fremdbetreuung“ und „Kinder sind in der Kita gut aufgehoben, weil sie dort andere Kinder zum spielen haben“ in dieser gemeinsamen WhatsApp-Gruppe so schön auf den Punkt gebracht, dass ich ihn hier, mit seiner Erlaubnis, zitieren möchte:

„Ich wollte nochmal kurz ein paar Punkte erläutern, um die Perspektive auf diese Themen etwas zu erweitern und einige Missverständnisse hervorzuheben.

Bindungshunger

Kinder haben ähnlich dem normalen Hunger so etwas wie Bindungshunger. Je kleiner sie sind desto größer ist dieser. Die Vorstellung 1- oder 2-jährige würden stundenlang alleine vertieft spielen, ist nicht realitätstreu (wie bei allem gibt es immer Ausnahmen).
Die Sättigung des Bindungshungers reicht in der Regel zwischen 10-30 Minuten. Bindung ist in der Kleinkindphase ein wichtiger Faktor für die gesunde Entwicklung und deshalb fordern die Kinder das auch so vehement ein. Es muss nicht unbedingt zu den Eltern sein, aber es braucht eine Bindung, die das Kind als geborgen und nährend empfindet. Und da sehe ich nunmal das Problem vieler Kitas und Kigas. Nicht die „Fremdbetreuung“ ist ein Problem, sondern dass die Strukturen es in den meisten Fällen nicht erlauben, dass jedes Kind so eine Bindung zur Erzieherin hat.

Kinder, die „klar kommen“

Kinder, die im Kiga „klar kommen“ bzw. anders sind als zu Hause, haben sich oft damit abgefunden, dass ihre Bedürfnisse nicht erfüllt werden und um in dieser Situation funktionieren zu können, betäubt das Gehirn einfach die ganze Trauer und Verletztheit. So „wirken“ viele Kinder als ob sie gut zurecht kommen. (Auch hier wieder mit Ausnahmen, es gibt genauso Kinder, denen diese Umgebung liegt.)
Mein Punkt ist, nur weil sich ein Kind mit einer Situation abgefunden hat und dann seinem Zeug nachgeht, bedeutet das nicht, dass es darin glücklich ist.

Kinder wollen mit anderen Kindern spielen.

Der eigentliche Satz sollte lauten: Kinder wollen immer spielen. Die Ableitung ist dem geschuldet, dass in unserer Gesellschaft nunmal meist nur Kinder spielen und so sucht sich das Kind natürlicherweise die aus, die spielen, also die anderen Kinder. Auch ist es ein Trugschluss, dass Kinder unter 3-4 Jahren „miteinander“ spielen. Meist spielen sie umeinander herum und jeder spielt sein eigenes Spiel.“

 

Als Erzieherin im Kindergarten bekommt man wenig Anerkennung und ist schlecht bezahlt, trägt aber die Verantwortung für das Wohlergehen, die Förderung und Bildung der Kleinsten.

 

Kita-Alltag

Diese Punkte alleine würden schon genügen. Dabei spiegelt sich darin der Alltag in vielen Kitas noch nicht einmal wider:

  • anstrengende Arbeitsbedingungen für die Erzieherinnen
  • zu niedriger Betreuungsschlüssel
  • Personalmangel
  • oft hohe Personalfluktuation
  • Unstimmigkeiten (bzw. Mobbing) unter den Kollegen
  • bescheidene Bezahlung (besonders im Vergleich zur Verantwortung)
  • wenig Motivation
  • oft auch veraltete Erziehungsansichten und
  • fehlendes Wissen/ Professionalität, was eine falsche Behandlung der Kinder nach sich ziehen kann

Das waren nur mal ein paar Beispiele, die ich zum Teil selbst erlebt habe oder mir von Beteiligten direkt berichtet wurden.

 

Zurück zu meiner Geschichte

Als mein Sohn 2 Jahre alt war, wurde meine Überzeugung nochmal auf die Probe gestellt und gefestigt. Damals habe ich es nochmal versucht mit einer Anstellung für 20 Stunden in der Woche. Eine Tagesmutter wäre zwar eine Option gewesen, allerdings fand ich keine geeignete Tagesmutter in meiner Nähe. Also sollten die Omas die Betreuung im Wechsel übernehmen. Nach 2 Monaten habe ich gekündigt. Mit Überstunden und Fahrtzeit kam ich auf rund 40 Stunden in der Woche. Die Arbeitszeiten waren entgegen meiner Planung und Vorstellung unregelmäßig. Das war den Omas, mir und vor allem meinem Sohn zu viel. (Eine Tagesmutter hätte da ebenso wenig mitgemacht.) Jeden Abend, wenn ich endlich Zuhause war, wollte er nicht mehr von mir weg. Das Bett-geh-Ritual wurde ein einziger Kampf, weil er nicht schlafen gehen wollte. Morgens schlief er zum Teil noch, wenn ich los musste, weil es abends so spät wurde.

Während dieser zwei Monate habe ich gelernt, was ich alles schaffen und aushalten kann und was nicht. Ich habe festgestellt, dass eine Anstellung für mich als Mama so nicht mehr in Frage kommt. Ich wollte für mein Kind da sein und nicht den Großteil seines Tages und seiner Entwicklung verpassen. Ich wollte mir keine Gedanken darüber machen müssen, wie viele Kinder-/Krankheitstage ich noch übrig habe und wollte kein schlechtes Gewissen haben, weil ich meine Chefs und Kollegen hängen lasse, die meinen Teil mit übernehmen müssen. Von den ganzen Problemen, der Arbeitssuche, dem Ärger, der einem von Chefs und Kollegen gemacht werden kann, den befristeten Arbeitsverträgen, usw., ganz zu schweigen.

 

Familienmanagerin

Also wurde unser Budget nochmal überschlagen und entschieden, dass ich erstmal weiter als Familienmanagerin genug ausgelastet bin. Ich bin nach wie vor sehr dankbar, diese Möglichkeit zu haben. Während dieser zwei Monate in Anstellung habe ich aber auch gemerkt, wie gerne ich mit Menschen arbeite und wie viel ich schon in kurzer Zeit in dem Leben eines Menschen bewegen kann (wenn dieser Mensch das will und zulässt zumindest).
Die Zeit verging. Der Große hielt mich auf Trab. Die Kleine machte sich auf den Weg und ich begleitete ehrenamtlich (und sehr oft schon nur telefonisch) junge Mütter mit ihren Fragen und Problemen rund um die Themen Stillen und Leben mit Baby.

Für mich war klar, dass ich mich selbständig machen will, um mein eigener Chef zu sein. Es sollte außerdem auch ortsunabhängig sein, damit ich auch Zuhause mit (kranken) Kindern (ein wenig) arbeiten kann. Oder auf Reisen, weil es mich und die Kinder sehr zum Freilernen hinzieht. So entstand durch Impulse von Lena vom Freilern-Blog, dem Wireless Life Guide und der Unterstützung der Business School von Ka Sundance die Idee für meine Selbständigkeit und mein Blog, in dem du nun liest und meine Beratungs- und Coaching-Angebote findest.

Was ich dir als Message meines Textes mitgeben möchte ist: Lebe nach deinem eigenen Lebensplan!

 

Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Wie kann Selbständigkeit für Frauen heute aussehen?

Gestalte deine Vereinbarkeit von Beruf und Familie selbst

Mach nicht alles nach dem „Weil man es halt so macht“-Zeit- und Karriereplan. Sondern soweit möglich, dann wenn es für euch der richtige Zeitpunkt ist. Überleg dir gut wann und wohin du dein Kind gibst.
Die Möglichkeiten Familie und Beruf unter einen Hut zu bekommen sind durch die Möglichkeiten des Internet stark gestiegen. Schau nur mal wie viele Mütter sich in der Elternzeit selbständig machen und z.B. Kinderkleidung nähen, stricken, häkeln, Schmuck herstellen oder sich anders selbständig machen (als (artgerecht) Coaches, Trage-Beraterinnen, Kanga-Trainerinnen, Kinderkurs-Leiterinnen, Kosmetikerinnen, Nail-Designerinnen, Pamipa-Verkäuferinnen, etc. pp.).

Eine Selbständigkeit und Arbeiten mit Kind sind sicherlich nicht einfacher als Arbeitnehmer zu sein und einfach einem beschränkten Arbeitsauftrag nachzukommen. Aber der Einsatz lohnt sich:

  • weil dir deine Arbeit soviel Spaß macht, dass es sich nicht mehr wie „Arbeit“ anfühlt
  • weil du dein Verständnis für ein bedürfnisorientiertes /artgerechtes Familienleben leben kannst
  • weil du deinen Kindern dein Verständnis von Familienleben und Vereinbarkeit von Beruf und Familie authentisch vorleben kannst.

Ich höre oft den Satz „Bist du schon wieder am PC!“. Für mich ist er aber nichts Schlechtes und ich deswegen auch kein schlechtes Vorbild. Er ist mein Arbeitsmittel. Ich lebe meinen Kindern meine Version einer Vereinbarkeit von Familie und Beruf vor. Klar, gibt es auch bei mir noch Verbesserungsbedarf im Zeitmanagement etc..

 

Meine Lebenszeit

Aber ich möchte ihnen niemals vorleben, dass Familie so aussieht, dass sich unter der Woche alle nur kurz zum Frühstück und Abendessen sehen. Dazwischen halten sich alle in ihren jeweiligen Kinder- und Erwachsenenverwahrungsstätten auf. Am Wochenende fliegen dann entweder die Fetzen, weil alle aufeinander hocken und nichts miteinander anfangen können oder es wird für zwei Tage Familienidylle gespielt und gepredigt, dass man diese wenige Zeit miteinander ja „schön verbringen“ will. Oder, in seltenen Fällen, genießen alle die gemeinsame Zeit am Wochenende, sind traurig wenn die Woche startet und warten fünf siebtel ihrer Woche auf den schönen Teil davon. Das ist ziemlich viel verschwendete Lebenszeit. Oder nicht?!

Nein danke!

Ich will Mama sein, Zeit für meine Kinder haben und sie beim Entdecken ihrer Welt begleiten. Jeden Tag. Weil es mir Freude macht! Und ich will Coach und mein eigener Chef sein. Ich will anderen Müttern helfen aus ihren Problemen, Sackgassen, Tiefs und Sinnkrisen heraus zu finden. Weil mir auch das Freude macht!

Wie sieht deine Vorstellung deines idealen (Familien-) Lebens und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus? Ist es noch ein Traum? Lebst du ihn schon? Oder fängst du gerade an deine Vorstellungen in die Tat umzusetzen?
Ich würde mich freuen, wenn du mich daran teilhaben lässt!
Mamaherz-liche Grüße, deine Jasmin
P.S.: Ich habe da noch zwei wundervolle aktuelle Tipps für dich: Wenn du dir über deine Vorstellung von einem bedürfnisorientierten, gleichwürdigen Familienleben noch klar werden willst, schau mal beim Beziehung statt Erziehung Kongressrelaunch 2017 von Katharina vorbei: http://www.beziehungstatterziehung.com
und wenn du noch Inspiration für deine Vereinbarkeit von Familie und Arbeiten brauchst, dann hilft dir bestimmt der neue Kongress von Lena weiter:  https://familien-online-business-kongress.com 

Jasmin

Ich bin Zweifach-Mama, Sozialpädagogin, Stillberaterin und artgerecht Coach.
Als solche berate und begleite ich Mütter im bedürfnis- und bindungsorientierten Umgang mit ihren Kindern vom Baby- bis Kindergartenalter.
Ich erarbeite mit jeder Mutter individuelle, ressourcen- und lösungsorientierte Wege, um aus Erschöpfung oder (Wochenbett-) Depression heraus zu kommen oder ihnen vorzubeugen.

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Maria
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Hallo liebe Jasmin.
Vielen Dank für deinen Artikel! Er spricht mir aus dem Herzen und ich kann zu allem eigentlich nur „ja“ sagen ☺! Nach langem hin und her, haben auch wir beschlossen, dass ich weiter Familienmanagerin bleibe und nach und nach meine Selbstständigkeit aufbaue. Für uns ist das ein passendes Modell und ich bin froh und dankbar diese Möglichkeit zu haben! Liebe grüße, Maria

Berufung Mami
Gast

Liebe Jasmin, ich danke Dir für Deine persönliche Geschichte. So wichtig, dass die Bindungs-Arbeit noch einmal in den Vordergrund gerückt wird. Von manchen müde belächelt macht es dennoch einen Unterschied, ob ich mein Kind sehe in seinem Sein, oder ob ich klare Strukturen in meinen Alltag mit Kind integriere, nach denen das Kind zu funktionieren hat. Das ist auch meine Erfahrung. Ich arbeite ebenfalls an meinem Blog und betreue unseren Sohn selbst und ständig. Die Kombination aus beidem ist eine große Herausforderung (aber auch pures Glück). Anfangs noch nicht so sehr, da noch nicht so viel anstand, doch inzwischen muss… Weiterlesen »