Essen ist (k)eine Erziehungssache!

Essen ist (k)eine Erziehungssache!

Ich hab es wieder mal nicht geschafft meine Klappe zu halten. Kennst du das? Sagst du etwas? Wenn du siehst, wie ein Kind sich quält, weil ein Erwachsener glaubt es besser zu wissen und (s)einem Kind seinen Willen aufzwingen will…?
Ich konnte meine Klappe nicht halten und musste dafür dann selbst einiges einstecken. Du schaffst es in solchen Situationen nicht (immer) etwas zu sagen? Ganz ehrlich, ich auch nicht immer.
Es kommt auf die Situation an. Wo bin ich? Hab ich meine Kinder dabei? Hab ich genug Kraft Anfeindungen entgegen zu treten? Handelt es sich um fremde oder nahestehende Personen?

Die zurückliegende Situation spielte sich in meinem nahen Umfeld ab und wie du an der Überschrift erkennen kannst, ging es ums Essen. Ein Kind das auf Wunsch und durch Ausübung der körperlichen Überlegenheit (aka Zwang) eines Elternteils am Tisch sitzen bleiben und essen sollte, obwohl es nicht wollte. Das zu einem Bissen überredet wurde und als es diesen Bissen nicht schlucken wollte ihm das Ausspucken untersagt wurde. Das sich mit diesem angekauten Bissen im Mund herum quälte, bis es aus mir herausplatzte „Jetzt lass sie das doch bitte ausspucken!“
Für diese „Einmischung“ am gemeinsamen Esstisch wurde ich dann von einem anderen Erwachsenen angegangen, der sich generell von meiner Sichtweise getriggert fühlt.

Die Weihnachtszeit hat begonnen. Die Zeit der gemeinsamen Treffen mit Freunden und Familie. Vor allem um gemeinsam zu feiern und zu essen. Freust du dich darauf? Oder hast du eher gemischte Gefühle, weil deine Sichtweise und die deines Umfeldes oft ähnlich kollidieren wie in meiner beschriebenen Situation?

Kennst oder nutzt du dieses Sprüche?

Du kennst diese Sprüche rund ums Essen bestimmt. Vielleicht hast du auch schon mal versehentlich (oder sogar absichtlich und häufiger?) einen davon benutzt?! Oder jemand aus deinem Umfeld? Mir ist das auch schon mal passiert und noch öfter hab ich mir ordentlich auf die Zunge gebissen, damit so ein Spruch ungesagt bleibt.

– Iss auf, sonst gibt es morgen kein schönes Wetter!
– Noch ein Löffel für Papa/ Oma etc.
– Du bleibst am Tisch sitzen bis alle fertig sind!
– Sei froh, dass du was zum essen hast. Die armen Kinder in Afrika haben nichts!
– Iss! Essen kostet auch Geld und Geld wächst nicht auf Bäumen! (Dafür muss Papa lange arbeiten)
– Iss dein Gemüse, damit du groß und stark wirst!
– Nachtisch gibts nur wenn du aufisst/ brav bist!
– Iss jetzt, sonst gehst du ohne Essen ins Bett!

 

gemuesekorb

Musst du dein Kind zum Gemüse essen zwingen?

Diese Sprüche erzeugen Druck. Sie machen ein schlechtes Gewissen für Dinge, auf die Kinder keinen Einfluß haben. Sie sind extrem unfair und manipulierend, besonders wenn sie mit der Liebe und Loyalität der Kinder spielen. Würdest du so etwas zu einem Erwachsenen sagen? Nein?!? Dann sorge dafür, dass sowas auch nicht zu deinem Kind gesagt wird. Egal ob von dir oder jemand anderem. Manchmal reicht schon ein unbedachter, dummer Spruch, um sich tief in die Erinnerung und die Kinderseele einzugraben.

 

Kinder essen anders

Wenn du nach Bedarf (und ausschließlich) gestillt hast, hast du gesehen und darauf vertraut, dass dein Baby sich über die Muttermilch genug und alles holt was es braucht. Wenn es fertig war, war es fertig. Warum sollte dein Kind sobald es etwas größer ist und mehr als nur Muttermilch zu sich nimmt, nicht mehr selbst regulieren können wieviel es braucht? Denn das kann es! Dein Kind weiß selbst wann, was und wieviel es braucht.

Vor allem solltest du wissen, dass Kinder nicht voraussehend oder „auf Vorrat“ essen. Die Begründung „weil du sonst im Auto Hunger bekommst“ oder „wenn du nur so wenig isst, hast du später im Bett Hunger“ ziehen bei (kleineren) Kindern nicht. Sie essen nur soviel, wie sie jetzt gerade brauchen.
Auch der Geschmackssinn von Kindern funktioniert noch ein bisschen anders, als bei uns Erwachsenen. Kannst du dich noch an etwas erinnern, dass du als Kind voll eklig fandest und heute gerne isst? Oliven, Pilze oder Knoblauch vielleicht?! Kinder schmecken anders. Sie sind empfindlicher bei Bitterem und Saurem und schmecken Süßes deutlich schwächer als wir. Dadurch bevorzugen sie sehr süße Dinge besonders, während neutralere, saure oder bittere Lebensmittel eher verschmäht werden. Das ist ein natürlicher (evolutionsbiologischer) Schutzmechanismus, der Kinder früher z.B. vor Vergiftungen schützen sollte.

Es gibt aber auch die Exemplare von Kindern, die vor lauter Welt entdecken und spielen das Essen vergessen. Bei ihnen helfen zum Beispiel Rituale und feste Essenszeiten. Oder ein Picknick auf dem Wohnzimmerboden.

Zwing dein Kind niemals zum Essen!

Auf viele Essgewohnheiten haben Kinder keinen Einfluß. Sie dafür zu bestrafen, dass sie ihren natürlichen Instinkten folgen, ist ein absolutes Unding. Ein Kind zum Essen zu zwingen kann eine „einfache“ Abneigung gegen bestimmte Speisen oder Lebensmittel bis hin zur massiven Essstörung verursachen.
Viele dieser althergebrachten Sprüche haben wir von unseren Eltern, Großeltern und Urgroßeltern übernommen. Dabei ist aber wichtig zu Bedenken, dass sie in ihrer Kindheit und Jugend zum Teil noch in einer Zeit lebten als Essen tatsächlich oft Mangelware war. Während eines Weltkrieges konnten sie wirklich nur das essen, was auf den Tisch kam. Mehr gab es einfach nicht.

Heute ist das anders. Weißt du wieviel gutes Essen in Deutschland auf dem Müll landet? 20 Mio. Tonnen im Jahr. Nicht weil sie verdorben sind. Sondern nur weil sie zu viel sind oder nicht dem Größen- oder Schönheitsstandard entsprechen. Da sind die Sachen, die in den Müll wandern, weil das Mindest-Haltbarkeitsdatum abgelaufen ist noch gar nicht mit eingerechnet.

 

Kommst du dir nicht vor wie ein Heuchler?

Ich habe mir schon oft auf die Zunge gebissen, um nicht „automatisch“ so einen Spruch raus zu hauen. Denn ich finde das, angesichts unserer „Wohlstands-Situation“ hier in Deutschland und Europa extrem verlogen und heuchlerisch. Wir schmeißen gute Lebensmittel weg. Egal ob es die krumme Gurke ist, die vorab aussortiert wird oder der ungeöffnete Joghurt, der vor zwei Tagen „abgelaufen“ ist und deswegen im Müll landet.

Wir verschwenden Lebensmittel. Unsere Kinder sehen das. Damit sind wir ihnen kein gutes Vorbild, egal wie lange wir mit den Kosten der Lebensmittel oder den „Kindern in Afrika“ argumentieren. Es ändert auch nichts, ob unsere Kinder aufessen oder nicht. Auch wir haben nicht jeden Tag gleich viel Hunger oder immer Lust auf das was es gibt (auch wenn wir darauf größeren Einfluß haben als unsere Kinder).

Das soll kein Freibrief für Lebensmittelverschwendung sein! Aber ein Appell, deinem Kind die Souveränität und Integrität über seinen Körper und seinen Appetit zu überlassen.
Wenn du absolut kein Fan von Wildschweingulasch bist, willst du doch auch nicht zum Essen gezwungen werden. Dafür freust du dich bestimmt, wenn du eine (schmackhaftere) Alternative bekommst (ohne meckern und schimpfen).

5 Tipps, wie du das Essverhalten deines Kindes positiv beeinflussen kannst

  • Wenig oder keine Süßigkeiten auf Vorrat Zuhause haben: je weniger Süßkram Zuhause ist, desto weniger kann ungesund genascht werden.
  • Biete gesunde Lebensmittel an: Süßkram und Fertigessen machen zwar kurz satt, sind aber nicht wirklich nahrhaft. Frisches Obst oder Gemüsesticks sind besser für zwischendurch und sollten immer leicht erreichbar für die Kinder sein.
  • Sei ein Vorbild: dein Kind lernt vor allem durch dich als Vorbild, wenn du dich gesund ernährst und dein Kind sieht wie gerne du Obst und Gemüse isst, wird das sein Orientierungspunkt (auch wenn es manchmal etwas länger dauert bis sie mitmachen). Wenn du aber eine Ernährung mit viel Süßkram und Fastfood vorlebst, wird dir dein Kind auch das nachmachen. Das selbe gilt für das Wegwerfen von Lebensmitteln.
  • Gemüse kann lecker sein, ohne dass man es sieht: Wenn dein Kind nicht gerne einfach so Gemüse isst, werde kreativ. Ob schön in Form gebracht oder im Smoothie oder der Soße „versteckt“, erlaubt ist was schmeckt.

    Kinder essen entspannt und mit Spaß, wenn man sie lässt.

    Kinder essen entspannt und mit Spaß, wenn man sie lässt.

  • Entspannt und mit Spaß ist Essen am schönsten: in entspannter Atmosphäre mit lieben Menschen macht Essen viel mehr Spaß. Druck und Streß verderben dagegen den Appetit. Wenn du dich morgens abhetzt, um noch rechtzeitig im Büro zu sein und nebenbei etwas vom Bäcker runterschlingst, damit die anstehende Besprechung nicht von peinlichem Magenknurren gestört wird…. macht dir das Essen in dem Moment wohl eher keinen Spaß. Oder? Deinem Kind geht es da nicht anders.

 

Wenn du armen Kindern helfen willst, tu es direkt:

Die ungerechte Verteilung der Lebensmittel auf unserem Planeten beschäftigt mich schon lange. Denn eigentlich hätten wir genug für alle. Kennst du den Film „We feed the world“? Der ist ein echter „eye-opener“. Wir können zwar nicht alles auf einmal verändern. Aber wir können klein anfangen und dabei helfen, dass diese Veränderung immer größer wird und immer weitere Kreise zieht. In der Weihnachtszeit werden wir überhäuft mit Spendenaufrufen. Warum nicht selbst initiativ werden?!

Wenn du tatsächlich einem oder mehreren Kindern helfen willst, die nicht genug zu essen und keine guten Zukunftsaussichten haben. Kannst du das zum Beispiel mit einer Patenschaft machen. Ich habe hier eine Hand voll raus gesucht, bei denen das Geld wirklich da ankommt, wo es hin soll. Diese vier (beispielhaften) Vereine geben die Spenden zu 100% an die Patenkinder oder (Schul-)Projekte weiter, die sie unterstützen.

Kinder in Not: Indien, Brasilien, Phillipinen
childrenHope: Argentinien, Bolivien, Paraguay
Patenkinder Nepal: Nepal
Abaana Afrika: Uganda

Brot für die Welt: weltweit

Brot für die Welt ist eine sehr große und bekannte Organisation. Sie gibt 94,5% der Spenden weiter, 5,5% werden für Verwaltungs- und Werbekosten verwendet. Das betone ich hier so, weil das ein richtig guter Wert ist. Viele der großen und bekannten Organisationen verbrauchen nämlich deutlich mehr für Verwaltung und Werbung. Dadurch kommt dem entsprechend weniger bei den Patenkindern und Projekten an.
Deshalb hier meine Auswahl besonders unterstützenswerter Vereine für dich (und mich 😉 ).

Die monatlichen Spendenbeträge für Patenkinder oder Projekte liegen zwischen 5 und 30 Euro.

Du hilfst einem oder mehreren Kindern und kannst deinem Kind dabei die Bedeutung eines achtsamen Umgangs mit unseren Ressourcen und Lebensmitteln vermitteln.

 

Essen darf keine Erziehungssache sein

Essen wird zur Erziehungssache, wenn Erwachsene Angst haben um das Wohl ihrer Kinder. Der Druck und Zwang, der aber zum Wohl der Kinder dabei aufgebaut wird, ist mindestens genauso schädlich. Wenn nicht mehr. Essen darf KEINE Erziehungssache sein. Achtsamkeit gegenüber den Bedürfnissen deines Kindes (z.B. auch rechtzeitig das Essen fertig zu haben, bevor es vor lauter Hunger nach Süßkram verlangt), Respekt gegenüber der (körperlichen) Integrität deines Kindes (wenn es keinen Brokkoli mag, mag es eben keinen) und Vertrauen in dein Kind (es isst das und soviel wie es braucht für sein Wachstum und Wohlergehen) genügen.

Natürlich ist auch oft deine Umsicht und weise Voraussicht gefragt. Das können die Zwerge einfach noch nicht. Also wenn du weißt, dass dein Kind hungrig wird sobald ihr unterwegs seid, aber jetzt gerade nichts will, dann pack doch einfach etwas ein. Das geht Zuhause genauso wie im Restaurant und erspart viel Stress und Tränen, wenn dann PLÖTZLICH doch der Hunger anklopft. 😉

Was denkst du darüber? Wie sehen eure Essenssituationen aus? Schreib mir einen Kommentar! Hat dir mein Artikel gefallen? Dann teil ihn doch mit deinen Freunden! Ich freu mich!

 

Mamaherz-liche Grüße, deine Jasmin

 

P.S.: Ich habe auch einen kleinen Clip dazu gebastelt, schau doch mal auf meinem YouTube Kanal rein! Ich freu mich! 🙂 

Jasmin

Ich bin Zweifach-Mama, Sozialpädagogin, Stillberaterin und artgerecht Coach.
Als solche berate und begleite ich Mütter im bedürfnis- und bindungsorientierten Umgang mit ihren Kindern vom Baby- bis Kindergartenalter.
Ich erarbeite mit jeder Mutter individuelle, ressourcen- und lösungsorientierte Wege, um aus Erschöpfung oder (Wochenbett-) Depression heraus zu kommen oder ihnen vorzubeugen.

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