Eure Kinder sind nicht eure Kinder

Wie denkst du über dein(e) Kind(er)? Gehören sie dir? Musst du sie zu anständigen Menschen erziehen, damit „etwas aus ihnen wird“? Siehst du in ihnen ein weißes Blatt, dass du beschreiben musst? Oder kleine Wilde, die du sozialisieren musst?

Oder sind es kleine, fertige Menschen, die alles mitbringen, was sie brauchen und was für sie jetzt gerade notwendig und sinnvoll ist? Die genau richtig, vollkommen und liebenswert sind. Einfach weil sie so sind, wie sie sind. Von denen wir vielleicht sogar noch etwas lernen können, was wir schon längst vergessen hatten oder was uns aberzogen wurde.

Dafür möchte ich dieses wundervolle Gedicht heute mit dir teilen. Ich hoffe es regt dich genauso zum Denken an oder dein Herz zum „Ja“-sagen, wie es das bei mir tut.

 

Eure Kinder sind nicht eure Kinder

Eure Kinder sind nicht eure Kinder.
Sie sind die Söhne und Töchter der Sehnsucht des Lebens nach sich selber.
Sie kommen durch euch, aber nicht von euch,
Und obwohl sie mit euch sind, gehören sie euch doch nicht.
Ihr dürft ihnen eure Liebe geben, aber nicht eure Gedanken,
Denn sie haben ihre eigenen Gedanken.
Ihr dürft ihren Körpern ein Haus geben, aber nicht ihren Seelen,
Denn ihre Seelen wohnen im Haus von morgen, das ihr nicht besuchen könnt, nicht einmal in euren Träumen.

Ihr dürft euch bemühen, wie sie zu sein, aber versucht nicht, sie euch ähnlich zu machen.
Denn das Leben läuft nicht rückwärts, noch verweilt es im Gestern.
Ihr seid die Bogen, von denen eure Kinder als lebende Pfeile ausgeschickt werden.
Der Schütze sieht das Ziel auf dem Pfad der Unendlichkeit,
und Er spannt euch mit Seiner Macht, damit seine Pfeile schnell und weit fliegen.
Laßt euren Bogen von der Hand des Schützen auf Freude gerichtet sein;
Denn so wie Er den Pfeil liebt, der fliegt, so liebt er auch den Bogen, der fest ist.

Khalil Gibran, arabischer Dichter, 1883-1931

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