Kindergarteneingewöhnung – Ihr müsst nicht „da durch!“

Kindergarteneingewöhnung – Ihr müsst nicht „da durch“!

Auch bei uns in Bayern haben Kindergarten und Schule nun wieder begonnen. Für meinen Großen ist es definitiv das letzte Kindergartenjahr. Mittlerweile geht er meistens ganz gerne hin, hat aber auch nichts gegen einen freien Tag extra.
Morgens sehe ich nun die vielen neuen, jungen Gesichter in der Gruppe. Die Dreijährigen, die jetzt mit der Kindergarteneingewöhnung starten. Heute gab es wieder so eine Begegnung, die mir die Kehle und das Herz zugeschnürt haben. Ich wollte dir ein Video darüber machen, aber du hättest nicht viel verstanden, weil mir die Tränen meine Stimme erstickt hätten. So versuche ich dir meine Gedanken und Gefühle aufzuschreiben.

Die Kindergarteneingewöhnung deines Kindes

Liebe Mama eines neuen Kindergartenkindes,

bitte nimm dir die Zeit, die du und (ganz besonders) dein Kind brauchen. Ein Dreijähriges kann nicht von heute auf morgen alleine im Kindergarten bleiben, wenn es (noch) keine Beziehung zu seinen Betreuerinnen hat. Gib deinem Kind die Möglichkeit und Zeit in deiner Gegenwart seinen neuen Lebensraum und seine neuen Begleiter kennenzulernen und eine Beziehung zu ihnen aufzubauen. Denn nur durch diese Beziehung zu deinem Kind wird die Betreuerin in der Lage sein, dein Kind wirklich trösten zu können, wenn du dann gehst.

Gehst du zu früh, wirst du das daran erkennen, dass dein Kind dich nicht gehen lassen will, klammert, weint und womöglich verzweifelt nach dir schreit, wenn du gehst, während es von einer fremden Person festgehalten wird. Diese Person wird dir sogar versichern, dass es in Ordnung ist, dass du gehst und dass es sich beruhigen wird, sobald du weg bist.

Ja, liebe Mama, das wird es (meistens) auch tun. Entweder weil es dort nicht sicher genug (gebunden) ist, um seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen. Oder weil es anfängt zu resignieren, weil es keine Möglichkeit sieht zu seinem Lieblingsmenschen, seinem sicheren Hafen zu gelangen. Dein Kind wird seine Gefühle, seinen Schmerz und seine Trauer darüber, dass du es an diesem fremden Ort (ohne die entsprechende Vorbereitung) zurück gelassen hast, abschalten und wegdrücken so gut es geht. Alles andere wäre zu schmerzhaft.

Dein Kind wird anfangen zu spielen, das liegt in der Natur des Kindes. Das heißt aber nicht zwangsläufig, dass es ihm gut geht. Besonders die ersten zwei, drei (oder paar mehr) Tage, je nach Typ deines Kindes, können sehr unproblematisch sein und es wird gerne dort bleiben oder sich beschweren, warum du schon wieder kommst. Das liegt an den vielen neuen Eindrücken und Spielmöglichkeiten, die dein Kind von der Trennung ablenken. Nach ein paar Tagen kann sich das geben, wenn alles bestaunt und bespielt wurde. Es wird dann „plötzlich“ nicht mehr alleine dort bleiben oder wieder mit Heim wollen. Dann geht der Beziehungsaufbau zu den Betreuern erst richtig los und dafür braucht dein Kind dich. Bleib geduldig bei ihm, bis es dich von selbst gehen lässt.

 

Kindergarteneingewöhnung unter Zwang?

Bei der Kindergarteneingewöhnung muss dein Kind nicht alleine dort bleiben

 

Ammenmärchen zur Kindergarteneingewöhnung

Mit (spätestens) zweieinhalb bis drei Jahren wird dir oder deinem Kind die Frage gestellt werden „Und?! Wann gehst du/ Gehst du schon in den Kindergarten?“. Abhängig davon, wie du allgemein zu „Fremdbetreuung“ stehst, ob du wieder arbeiten willst/ musst, oder mit einem jüngeren Geschwisterkind Zuhause bist, wirst du diese Frage mehr oder weniger entspannt beantworten. Darüber hinaus wird dir spätestens bei Schwierigkeiten mit dem Kindergartenstart das eine oder andere Ammenmärchen oder rhetorische Sprüchlein zum Besten gegeben, z.B.:

  • „Da muss er/sie durch.“
  • „Das ist normal, dass sie anfangs weinen.“
  • „Wenn sie weg sind, beruhigt er/sie sich ganz schnell wieder.“
  • „Das hat dir/ euch auch nicht geschadet.“
  • „Er/sie braucht dringend andere Kinder.“
  • „Er/sie muss jetzt mal lernen selbständig zu werden.“
  • „Sie müssen lernen loszulassen.“
  • „Ihr Kind will ja nur nicht bei uns bleiben, weil es ihre Unsicherheit spürt.“
  • „Wie soll das denn werden, wenn er/sie dann in die Schule muss?! Da kann man nicht so einTheater machen.“
  • „Er/sie muss das jetzt im Kindergarten lernen, sonst bekommt er/sie in der Schule und im Berufsleben mal große Schwierigkeiten.“
  • und so weiter und so fort

Sorry, aber das ist alles BULLSHIT!!! Nichts davon muss sein! Nichts davon wird passieren, nur weil du dein Kind nicht oder erst später (mit vier oder fünf) in den Kindergarten gibst. Schwierigkeiten bekommst du aber garantiert, wenn du dein Kind unter (nahezu oder tatsächlich) traumatischen Bedingungen in den Kindergarten zwingst.
Was wichtig ist, wenn du dein Kind länger Zuhause lässt „als üblich“, ist dass du dich mit deinem Kind beschäftigst und ihm genug verschiedene Erfahrungsmöglichkeiten zur Verfügung stellst. Wenn du den ganzen Tag Zuhause sitzt und es sich selbst überlässt, ist es besser dein Kind in den Kindergarten zu geben.

 

Kindergarteneingewöhnung – die Personal-Seite

Liebe BetreuerInnen im Kindergarten (Erzieherin, Kinderpflegerin, Praktikant, Männlein oder Weiblein), liebe Kollegen,

bitte nehmt die Mütter und ihre Kinder in ihrem Empfinden der Situation und ihren Gefühlen ernst und vor allem SEID EHRLICH UND EMPATHISCH!

Beharrt nicht auf dem Berliner Modell (wenn ihr das überhaupt kennt und anwendet, weil es ja nur für U3 ist), bei dem am dritten Tag auf jeden Fall die erste Trennung stattfinden muss. Gestaltet die Eingewöhnung flexibel nach den Bedürfnissen der Kinder und Mütter. Ihr habt vielleicht das Gefühl, dass euch auf die Finger geschaut wird. Aber daran ist nichts schlimmes, solange ihr nichts zu verbergen habt! Eine Mutter, die ihr Kind begleitet hält den Tagesablauf auch nicht mehr auf als eine neue Kollegin oder Praktikantin. Ihr könnt deswegen trotzdem ganz normal mit den Kindern arbeiten. Erzählt nicht, wie gut es sich beruhigt hat, wenn ihr es noch eine oder zwei Stunden später wimmernd auf dem Arm tragt, oder es sich alleine in ein Eck zurück gezogen hat, um da „schön zu spielen“.

Wenn ihr seht, dass ein Kind noch mehr Zeit zur Eingewöhnung braucht, dann legt der Mutter doch bitte ans Herz ihr Kind noch etwas länger zu begleiten, statt zwei, drei oder mehr kleine, weinende Kinder auf dem Arm und an der Hand zu haben.
Vor allem aber, erzählt den Kindern nicht, dass sie nicht weinen müssen!!! Dass es nicht so schlimm sei, wenn Mama geht. Oder, dass sie ja gleich wieder komme. Und der Gleichen mehr.

ES IST SCHLIMM FÜR EIN KLEINES KIND, WENN MAMA ES ALLEINE LÄSST!!!

Es versteht das Prinzip „Kindergarten“ noch nicht und der (Herz-)Schmerz kann nicht einfach weggeredet werden. Helft den Kindern den Schmerz zu verarbeiten, statt ihn zu unterdrücken. Geht auf die Trauer ein, tröstet und begleitet sie.

Wenn euer Partner, euer engster Vertrauter und geliebtester Mensch, euch aus heiterem Himmel verlässt und euer Herz bricht, ist das Letzte was ihr hören wollt „Ist ja nicht so schlimm. Das vergeht schon wieder. Deswegen musst du doch nicht weinen.“

 

vertrauensvolle Kindergarteneingewöhnung

Kannst du dein Kind vertrauensvoll im Kindergarten lassen?

Ich stand als Mutter vor drei Jahren selbst an dem Punkt den Erzieherinnen und den Gutmeinenden aus meinem Umfeld zu vertrauen oder meinem „Mamaherz und Bauchgefühl“ und vor allem meinem Sohn. Ja, auch bei mir hat das nicht sofort geklappt. Ich spreche also aus eigener schmerzhafter Erfahrung. Insgesamt hat es eineinhalb Jahre, Schnupperbesuche bei drei Tagesmüttern, einer Großtagespflege und vier Kindergärten (dabei zwei abgebrochene Eingewöhnungsversuche) gebraucht, bis wir dann endlich beim vierten Kindergarten bleiben und uns (ausreichend) wohl fühlen konnten.

Es kann aber nicht nur beim Start in den Kindergarten Probleme geben. Ein Betreuerwechsel kann für ein Kind, dass vorher gerne in den Kindergarten ging ebenso zu einem regelrechten Albtraum werden. Für die Mutter logischer Weise auch.

Deswegen möchte ich mit dem Feedback einer Dreifach-Mama abschließen, die ich auf ihrem Weg aus diesem Albtraum mit ihrem jüngsten Sohn begleiten durfte. Nach einer „out of the box“-Zwischenlösung geht ihr Sohn nun in einen wundervollen und bindungs- und bedürfnisorientierten Kindergarten, mit dem Mama und Sohn überglücklich sind.

Franziska schrieb abschließend: „Liebe Jasmin, vielen vielen Dank für deine reflektierten Gedanken und Worte. Du hast mir in dieser nervenaufreibend Zeit sehr weitergeholfen bei mir zu bleiben und die richtigen Worte zu finden. Danke das es Menschen wie dich gibt die einem mit Herz zur Seite stehen. So konnte ich die für mein Kind und somit auch für mich beste Entscheidung treffen.
Mach bitte weiter so. “
Wenn du auch von mir unterstützt und begleitet werden möchtest, schreib mir über Kontakt und mach ein kostenloses Kennenlerngespräch mit mir aus. 🙂

Bis zum nächsten Mal!

Mamaherz-liche Grüße, deine Jasmin <3

Jasmin

Ich bin Zweifach-Mama, Sozialpädagogin, Stillberaterin und artgerecht Coach.
Als solche berate und begleite ich Mütter im bedürfnis- und bindungsorientierten Umgang mit ihren Kindern vom Baby- bis Kindergartenalter.
Ich erarbeite mit jeder Mutter individuelle, ressourcen- und lösungsorientierte Wege, um aus Erschöpfung oder (Wochenbett-) Depression heraus zu kommen oder ihnen vorzubeugen.

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Liz
Gast
Liz

Ein so toller Artikel! Wir stecken grad mitten in der Eingewöhnung und laut Konzept gibt es so viel Zeit, wie das Kind halt braucht! Doch dann wurde ich immer wieder unter Druck gesetzt, den Raum jetzt mal zu verlassen! Ich sitze weinend draußend, mein Kind (2) schreiend drinnen! Irgendwann beruhigt er sich, bis er dann doch wieder an Mama denkt! Es wird gemunkelt, die Mama könne ja nicht loslassen, sie hat ja auch immer das Kind ganz eng im tragetuch an sich gehabt… Wir gehen beide mit bauchweh in die Institution, neuer versuch! Das Kind wird nun in kurzer Verabschiedung… Weiterlesen »

Corinna
Gast
Corinna

Ich finde deinen Artikel im Grunde gut. Weil es noch immer viele gibt die das Kind einfach nur ablenken und es nicht ernst nehmen. Wo ich jedoch nicht mitgehe ist der Punkt „das jedes Kind entweder resigniert oder seine Gefühle dort nicht ausdrücken kann“. Meine Maus und ich stecken auch gerade mitten drinnen. Wie du schreibst kam irgendwann das weinen. Aber erst nach über 1 1/2 Wochen. Sie merkte das ich jetzt immer gehe und sie hier bleibt. Und mit Mama wäre es halt doch am schönsten, eh klar. Das geht aber nicht. Ich muss und will arbeiten gehen. Jetzt… Weiterlesen »

Julia
Gast
Julia

Ich bin gerade auch bei der Eingewöhnung meiner Zwillinge. Es ist schrecklich! Aber sie weinen auch kurz wenn sie beim Papa bleiben, weil ich einen Termin o.ä. habe. Und den kennen und lieben sie ja. Wir leben im Ausland – der Kiga hat dieses Konzept und ich komme nicht gegen Erzieher und Leitung an. Eine (englischsprachige) Alternative gibt es nicht. Fühle mich furchtbar – nun sind sie 2h alleine da, „müssen da durch“ und ich weiß nicht ob ich das richtige tue. Könnte sie wieder raus nehmen, aber dann ist es echt schwer Kontakt zu anderen Kindern herzustellen und sie… Weiterlesen »