Warum lernen unsere Kinder so wenig über Selbstbestimmung?

Warum lernen unsere Kinder so wenig über Selbstbestimmung?

Hallo meine Liebe!

Heute möchte ich dir von einer Gegebenheit erzählen, die sich im Frühsommer diesen Jahres zugetragen hat. Im Kindergarten meines Sohnes fanden sogenannte Waldtage statt. Also eine knappe Woche, in der die Kinder nur im Wald, statt im Kindergarten sind. Leider waren wir morgens wieder mal spät dran. Die anderen Kinder, die schon früher da waren und schon im Wald gespielt hatten, sollten sich anstellen zum Hände waschen und desinfizieren. Eine Hygienemaßnahme, die man sehen kann wie man will.

Wir kamen gerade von Zuhause, Hände noch sauber. Die Erzieherinnen in ihrem „Arbeitsflow“ wollten, dass er sich mit anstellt zum Hände waschen und desinfizieren. Das hatten wir da schon den zweiten Tag hinter einander.  Ebenso die Weigerung meines Sohnes, dabei mitzumachen. Wieso auch?! Gut mitgedacht, oder? Mein kluges Kind ;-). Er hat hinterfragt, warum er dabei mitmachen soll, wo er doch schon bzw. noch saubere Hände hatte und deshalb nicht Hände waschen wollte. Es ergab für ihn einfach keinen Sinn.

 

Gruppenzwang – wofür?

Mich hat wieder einmal dieser unhinterfragte Gruppenzwang erschreckt. Dieses: „alle müssen mitmachen, denn wenn einer nicht mit macht, weigern sich womöglich noch mehr“. Es ist eine Vorbereitung auf das Schul- und Arbeitsleben, das wird oft genug so kommuniziert: „Das muss er lernen, in der Schule/Arbeit kann er ja auch nicht machen was er will.“ Für mich leuchtet da in Neonfarben das alte „preußische („Bildungs-„) System“ durch. Möglichst unkritische Arbeiter zu erschaffen, die nicht hinterfragen, warum sie etwas machen sollen, wofür das gut ist, was sie machen. Die nur den Anweisungen folgen.

Und ich bin so froh und dankbar, dass ich diesen selbständigen, kritischen Sohn habe. Der bei jeder kleinen Sache, auch wenn es manchmal scheiß anstrengend ist, hinterfragt, wofür das gut ist. Wofür diese Regel gut ist. Warum er das machen soll. Welchen Nutzen das für ihn hat. Kurz: der auf seine auf Selbstbestimmung besteht.

 

Selbstbestimmung – ich entscheide, was gut für mich ist und was ich mir zutraue

 

Selbstbestimmung oder Fremdbestimmung? – Weil man das so macht

Ich finde Selbstbestimmung so wichtig und wertvoll. Und ich finde das so extrem schade und schädlich für die Kinder, dass schon im Kindergarten, abgesehen von dem notwendigen Gesundheitsschutz und der „Sauberkeitserziehung“, die Selbständigkeit und das selbständige Denken so dermaßen übergangen wird. Dass schon im Kindergarten darauf vorbereitet wird nur Anweisungen zu befolgen, ohne selbst darüber nachzudenken, wofür das gut ist. Oder ob es für denjenigen gerade notwendig ist.

Wenn jemand total dreckige Hände hat, und im Wald schon viel gespielt hat und womöglich irgendwo hingefasst hat, wo ein Wildtier hingemacht hat. Dann ist es natürlich wichtig Hände zu waschen oder auch zu desinfizieren, meinetwegen. Aber wenn jemand gerade mit sauberen Händen von Zuhause kommt, warum sollte der sich dann mit einreihen und Hände waschen und desinfizieren.

Dieses Spiel hatten wir jetzt zweimal hinter einander. Das zeigt mir auch einfach, wie sehr die Erzieherinnen in ihrem eigenen Trott drin sind und ihre eigenen Sachen gar nicht hinterfragen, sondern so total systemkonform sind, dass sie irgendwie gar nicht merken wie unsinnig manche Sachen sind und einfach nur gemacht werden, weil „man’s halt so macht“ oder weil’s die Kinder lernen müssen für die Schule.

 

Was brauchen Kinder dann?

Das ist doch aber gar nicht das, was wir brauchen. Wir brauchen keine Kinder, die unhinterfragt Anweisungen befolgen. Wir brauchen keine Kinder, die nicht selbständig denken, die nicht selbst wissen, was gut für sie ist. Wir brauchen, ganz im Gegenteil, Kinder die selbst denken, die kritisch denken. Die sich ihrer eigenen Bedürfnisse und Grenzen klar sind und ihrer eigenen Wünsche. Und dieses ganze System der klassischen Kindergärten und Regelschulen, steht so diametral entgegen der notwendigen Entwicklung, die Kinder in ihrem Aufwachsen bräuchten.

Es braucht viel mehr Gründungsinitiativen für freie, alternative Kindergärten und Schulen. Betreuungsmöglichkeiten, die familiärer sind, wie Eltern-Kind-Büros, Familiendörfer, Clans. Das ist das, was Kinder brauchen. Vor allem mehr Freiheit und weniger Kontrolle und beobachtet werden. Dieses ganze „du kannst deine Kinder nicht aus den Augen lassen, weil sie irgendwas anstellen oder ihnen was passieren könnte“.

Unser gefährlicher Lebensraum mit schnellen Autos auf immer besser ausgebauten Straßen und anderen gefährlichen Dingen. Wo du die Kinder nicht mehr alleine aus dem Haus oder Garten lassen darfst. Diese ganze kinderunfreundliche Umwelt, die sich entwickelt hat und noch weiter entwickelt, die die Kinder immer mehr einsperrt und die Eltern immer mehr zwingt zu „helikoptern“ und ihre Kinder nicht aus den Augen zu lassen. Das brauchen Kinder nicht.

 

Was ist mit den Müttern (Eltern)?

Dieses Zwangs-helikoptern trägt bei den Eltern – vor allem den Müttern – natürlich zur weiteren Erschöpfung bei, weil sie keinen einzigen Moment Pause haben. Womit wir bei meinem Lieblingsthema sind, der Erschöpfung. So kann das nicht weiter gehen (lies mal HIER). Gerade als bedürfnisorientierte Eltern versuchen und müssen wir uns selbst organisieren und gegen diese Entwicklung stellen. Wir müssen Schonräume schaffen für uns und unsere Kinder, in denen sie sich selbständig und frei bewegen können, ohne dass ihnen ständig ein Erwachsener (der meistens wir sein müssten) auf die Finger schaut und ihnen sagt, was sie tun und lassen müssen.

 

Bringt (mehr) Selbstbestimmung (mehr) Frieden?

 

Ein bisschen Frieden…

Wenn wir für unsere Kinder eine bessere Welt wollen, in der sie selbständig und selbstbestimmt denken und handeln lernen, dann müssen wir jetzt anfangen. Nicht dann wenn sie groß sind, nach dem Motto: „Wenn du 18 bist kannst du selbst entscheiden und dein Leben selbst gestalten wie du willst.“. Wie sollen sie das können?! Wenn ihnen doch ihr ganzes bisheriges Leben lang gesagt wurde, was sie denken, wissen und tun müssen! Bis sie „groß sind“, sind sie schon längst zur Marionette erzogen und können nicht mehr selbst denken oder nur noch schwer und müssen es erst langsam wieder für sich finden.

Wenn wir den Kindern die Freiheit (und Selbstbestimmung) gar nicht erst nehmen, dann werden sie die Freiheit und den Frieden den sie in sich tragen weiter tragen können und müssen nicht kämpfen. Alles fängt an mit Kämpfen, spätestens in der „Trotzphase“: sich seine Freiheit erkämpfen müssen, seinen Willen, seine Bedürfnisse erkämpfen müssen. Dieses ganze Kämpfen durch aufgezwungene Regeln und Maßstäbe. Später kommt noch der Konkurrenz- und Leistungsdruck hinzu.

…beginnt mit den Müttern

Wenn das alles weniger wird, gibt es weniger Kämpfen, weil jeder sein darf, wie er sein möchte, wie er tatsächlich ist und mit niemandem darum kämpfen muss. Wenn niemand mehr zu kämpfen braucht wird alles friedlicher. Und es wird keiner mehr irgendjemanden unterstützen, der glaubt dass er kämpfen muss, weil er mehr Land, mehr Ressourcen, Geld, Einfluss oder mehr Macht braucht. Wir beschweren uns, dass die Politiker nicht das tun was wir wollen. Aber sie spiegeln uns nur unser eigenes Kämpfen und Denken wieder.

Wenn wir unseren Kindern die Freiheit und den Frieden lassen, den sie in sich tragen und sie zu friedlichen, weltoffenen und freien Erwachsenen werden dürfen, dann werden diese friedlichen Erwachsenen auch keine kämpfenden „Machthaber“ mehr unterstützen. Sie werden die Welt selbst neu gestalten und sich selbst dafür engagieren, dass die Welt so bleibt/wird/ist, wie sie sich das wünschen. Alles fängt bei den Kindern an. Und damit bei den Müttern.

Welche Zukunft wünschst du dir für dein Kind und was bist du bereit dafür zu tun?

 

Alles Liebe, deine Jasmin <3

 

P.S.: Hast du das Online-Symposium meiner lieben Kollegin Katharina Walter gesehen? Absolut genial und es zeigt, wir sind nicht allein mit dieser Ansicht: Kinder sind Frieden-Symposium

Jasmin

Ich bin Zweifach-Mama, Sozialpädagogin, Stillberaterin und artgerecht Coach.
Als solche berate und begleite ich Mütter im bedürfnis- und bindungsorientierten Umgang mit ihren Kindern vom Baby- bis Kindergartenalter.
Ich erarbeite mit jeder Mutter individuelle, ressourcen- und lösungsorientierte Wege, um aus Erschöpfung oder (Wochenbett-) Depression heraus zu kommen oder ihnen vorzubeugen.

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