Wie du stillst noch?

Wie du stillst noch?! – Stillprobleme, Ärzte und Langzeitstillen

Wir befinden uns am Ende der Weltstillwoche. Bei uns in Deutschland findet sie immer in der 40. Kalenderwoche statt. In Anlehnung an die 40 Wochen, die eine Schwangerschaft etwa dauert.
Stillen ist die normale, artgerechte Ernährungsweise für Babys und darauf soll mehr aufmerksam gemacht werden. Jedes Jahr unter einem anderen Motto.
Aber an das Motto möchte ich mich heute gar nicht halten. Sondern dir ein paar meiner Gedanken und Erfahrungen zu Stillproblemen, Ärzten und Langzeitstillen als Stillberaterin mitgeben, um dich zu unterstützen oder zu stärken auf deinem persönlichen Weg durch die Stillzeit.

Was wissen Ärzte übers Stillen?

Gerade vergangene Woche war ich seit Längerem wieder einmal intensiv mit der Betreuung einer Mama und ihres zweiten Kindes beschäftigt. Das Problem, eine angehende Brustentzündung. In den meisten Fällen ist das aber gut zu behandeln. Mit den richtigen Tipps, Hilfsmitteln und etwas Ruhe ist das nach ein paar Tagen wieder vorbei. So meine persönliche Erfahrung.
Aber als sie mir erzählte, was ihr ihr Arzt geraten hatte, ist mir fast der Kragen geplatzt. Kühlen und abwarten. Wenn es nicht besser wird muss man Antibiotika geben. Mehr nicht!?!! Mit diesen Tipps hätte der „gute“ Mann seinen Antibiotika-Absatz definitiv weiter steigern können. Wenn ich ihm das Spiel nicht vermasselt hätte.

Ich hatte schon oft verunsicherte Mütter am Telefon, die mir von ärztlichen Ratschlägen erzählten, dass es mir die Zehennägel hoch rollte. Von Tee/ Wasser für zwischendurch (bei kleinen Babys), damit die Abstände lang genug sind, über „mit 4 (alternativ 6) Monaten MUSS mit Beikost angefangen werden, weil die Milch oder die Nährstoffe dann nicht mehr reichen“, „abstillen um bestimmte Medikamente verordnen zu können“, oder Empfehlungen bis wann spätestens abgestillt werden sollte, damit das Kind keinen psychischen Knacks bekommt. Woher (Kinder-)Ärzte ihr (Un-)Wissen haben kannst du hier im Apfelgarten nachlesen. (Link kommt noch)

apfel

Frag eine Stillberaterin

Leider wurde mir berichtet, dass auch Hebammen oft ähnlich schreckliche Empfehlungen raus geben. Wenn du dir also unsicher bist, ob die Empfehlung die du bekommen hast wirklich gut für euch ist, dann sichere dich am besten bei einer Stillberaterin ab. Denn die kann dir meist besser bei einer individuellen Lösung helfen, kennt sich mit dem Stillen und Stillproblemen besser aus und wenn sie doch mal was nicht weiß, dann weiß sie zumindest wen sie fragen kann und fragt dort auch nach.
Am besten suchst du dir dafür eine Stillberaterin in deiner Nähe, damit auch einer persönlichen Beratung vor Ort nichts im Wege steht. Deine entsprechende Ansprechpartnerin findest du HIER bei der AFS oder HIER bei der La Leche Liga.

 

„Langzeitstillen“ gibt es nicht

Ein Thema, das immer wieder und gerade erst wieder durch die Medien geisterte ist das „Langzeitstillen“. Wenn Promis ihre Einstellung dazu kundtun oder irgendeine Studie wieder etwas heraus gefunden haben will. Meist höre ich nur noch mit einem halben Ohr (wenn überhaupt) hin, damit ich deswegen keine grauen Haare bekomme.
Langzeitstillen. Ein Wort, dass ich nicht besonders mag. Warum? Was bedeutet „Langzeit“? Ab welchem Alter des Babys ist das denn nun „Langzeitstillen“? Gibt es das überhaupt? Und oft kommt die Frage, schadet es dem Kind?

Nein. Ganz ehrlich. NEIN! Es gibt kein Langzeitstillen. Oder sagen wir kaum. Das natürliche Abstillalter von Kindern liegt etwa zwischen 2 und 7 Jahren. Das hat die Anthropologin Katherine A. Dettwyler durch verschiedene Untersuchungen und Vergleiche mit unseren nächsten Verwandten erforscht. So heißt es dort: „Dennoch deuten alle Daten daraufhin, dass die oft geforderte Mindeststilldauer von sechs Monaten (voll) bzw. einem Jahr (mit Beikost) eher kürzer ist, als es unsere natürlich Stilldauer wäre, und dass „Langzeitstillen“ über Zeiträume von ein bis drei Jahren eher als „Normstillen“ bezeichnet werden sollte und erst eine Stilldauer, die über drei Jahre hinausgeht, wirklich in den Bereich des „Langzeitstillens“ vordringt.“ (mehr dazu HIER).
Genau genommen müssten wir bei den aktuellen Stillgewohnheiten (4-6 Monate stillen und durch Beikost Stillmahlzeiten ersetzen bis spätestens mit 11-12 Monaten abgestillt ist) also von Kurzzeit-Stillen sprechen.
Des Weiteren steht dazu folgendes: „Durch die heutige Verfügbarkeit von Ernährungsalternativen in vielen menschlichen Kulturen ist das Stillen für uns Menschen jedoch keine zwingende Voraussetzung für das Überleben unserer Babys mehr, was dazu führt, dass wir aus anderen Gründen als unsere Säugetierverwandten entscheiden, wann, wie oft und wie lange wir unseren Nachwuchs mit Muttermilch versorgen.
Zu diesen Gründen zählen beispielsweise unsere Auffassungen (und die unserer Umwelt) davon, wie Eltern mit Kindern umgehen sollten, wie die optimale Entwicklung eines Babys aussieht, was gesunde Ernährung ist und wie sich Eltern und Kinder in die Gesamtgesellschaft integrieren sollen. Wissenschaft, Religion und Gesellschaft haben dabei einen großen Einfluss, je nach der jeweiligen Sozialisation der Mutter wirkt dabei eine dieser Kräfte stärker als die anderen.“

Wann spricht man von Langzeitstillen?

Wann spricht man von Langzeitstillen?

 

Was ist normal?

Also lassen wir von anderen festlegen wie lange „normal“ (oder ausreichend) ist, auch wenn es nicht biologisch sinnvoll ist. Damit sind wir auch schon bei der Frage des „Schadens“ durch das Langzeitstillen. Wenn ich mein Kind normal lange stille, so wie es das evolutionsbiologisch erwartet, kann ihm das dann überhaupt schaden?

Oder wird der Schaden nicht eher von außen verursacht?! Durch Bewertungen, negative Äußerungen und Druck von außen, die das Kind (nebenbei) mitbekommt oder denen es sogar direkt ausgesetzt ist. Es fühlt sich dann womöglich schlecht, falsch oder fängt an zu glauben, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Glaub nicht, dein Kind würde von Erwachsenengesprächen nichts mitbekommen. Sie verstehen erstaunlich viel und das schon sehr früh. Schlimmer noch, sie nehmen sich oft schon kleine spitze Randbemerkungen sehr zu Herzen, ohne dass wir das bemerken. Oder erst Tage oder Wochen später. Muss das wirklich sein?!? Wie wär´s mit „Leben und leben lassen“? Wir haben viele verschiedene Möglichkeiten. Wir können uns daraus unseren ganz individuellen Weg zusammen schustern. Diese individuellen Wege gehören respektiert.

Das wichtigste muss sein, dass Mutter und Kind sich mit ihrer Stillbeziehung wohl fühlen. Fehlt die wertschätzende Umgebung, ist es an der Zeit sich diese selbst zu erschaffen (->Wie du deinen Clan aufbaust), für Aufklärung oder klare Grenzen zu sorgen. Fühlt sich einer von beiden nicht mehr wohl, kann ebenfalls wieder die Unterstützung einer Stillberaterin zu einem friedlichen Ende der Stillbeziehung beitragen.

Das wichtigste über allem aber ist, das nur du als Mutter die Expertin für dich und dein Kind bist und bei allem anderen gilt: sei kritisch, informier dich, frage nach und suche nach der für dich und euch bestmöglichen Lösung.

Hast du noch Fragen oder Anmerkungen? Dann schreib mir einen Kommentar.
Bis zum nächsten Mal

Mamaherz-liche Grüße, deine Jasmin

Brauchst du bei etwas mehr Hilfe? Dann schau mal HIER.

 

Quelle: http://www.afs-stillen.de/rund-ums-stillen/lexikon/128-a-f/204-der-mensch-als-saeugetier-und-das-biologisch-sinnvolle-abstillalter.html

Fotoquelle: Pixabay

Jasmin

Ich bin Zweifach-Mama, Sozialpädagogin, Stillberaterin und artgerecht Coach.
Als solche berate und begleite ich Mütter im bedürfnis- und bindungsorientierten Umgang mit ihren Kindern vom Baby- bis Kindergartenalter.
Ich erarbeite mit jeder Mutter individuelle, ressourcen- und lösungsorientierte Wege, um aus Erschöpfung oder (Wochenbett-) Depression heraus zu kommen oder ihnen vorzubeugen.

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